Soziale Mission von amavido: Italien Bergdorf Abruzzen Scanno

In diesem Beitrag geht es um die soziale Mission von amavido oder die Frage, was man außer nachhaltigem Tourismus machen kann, um Dörfer zu retten. Und es geht um das Thema Landflucht: Ein Thema, das mich persönlich schon lange begleitet. Spätestens seit ich von Berlin in eines dieser kleinen italienischen Dörflein gezogen bin, stecke ich sogar selbst mitten drin in dieser Thematik. Heute möchte ich aus dem Nähkästchen plaudern…

Italien: Von Touristenmagneten und verlassenen Dörfern

Im März letzten Jahres gingen Bilder um die Welt, die man sonst so aus Italien nicht kennt. Verwaiste Plätze, wartende Kellner, verzweifelte Hotel- und Barbesitzer. Ob nun der Markusplatz in Venedig, der Domplatz in Mailand oder die lebhafte Piazza Navona in Rom – wo sich sonst Reisende aus aller Welt tummeln und in der Sonne eine Cappuccino oder Spritz genießen herrscht gähnende Leere.

Gähnende Leere herrscht gleichzeitig auch in vielen Dörfern des Landes. Mit dem Unterschied, dass es hier niemanden schockiert. In vielen Dörfern Italiens, wenn sie nicht gerade in einem touristischen Ballungsgebiet liegen, gehört der Leerstand nämlich längst dazu. Mehr als 2.500 kleine Ortschaften in Italien sind vom Aussterben bedroht. Tendenz steigend… Es soll jetzt aber weder um die Coronakrise und ihre Auswirkungen, noch um Zahlen, Daten und Fakten zum Thema Landflucht und Dörfersterben gehen. Stattdessen möchte ich ein paar persönliche Einblicke, Erlebnisse und Beobachtungen schildern und mit euch teilen.

Small is beautiful: Unterwegs in Italiens schönsten Borghi

Seit knapp drei Jahren lebe ich nicht nur in einem italienischen Dorf, sondern bin auch in vielen anderen Dörfern meiner Wahlheimat unterwegs. Bevor Corona unseren Bewegungsradius radikal beschnitten hat, war ich gerade für meinen Blog Expedition Abruzzen dabei, alle 24 Mitglieder der “Borghi più belli d’Italia”, die hier in der Region liegen, zu besichtigen. Borghi più belli d’Italia – das ist eine Vereinigung kleiner, meist mittelalterlicher Dörfer, abseits von den üblichen Touristenorten aber von einem besonderen historischen und künstlerischen Interesse.

Weit über die Hälfte der schönsten Borghi der Region habe ich mittlerweile besichtigt. Ich bin durch die Gassen gelaufen und habe mich umgeschaut. Dabei habe ich viele verborgene Schätze entdeckt; ungeschliffene Rohdiamanten, die vom Tourismus bisher übersehen wurden. Hier und da habe ich eine Wäscheleine mit Nacht- und Unterwäsche aus einem anderen Jahrhundert gesichtet.

Ein absoluter Klassiker sind, neben den Wäscheleinen, aber Stühle, vor den Häusern, auf denen aber nur in den seltensten Fällen jemand sitzt. Stattdessen säumen zahlreiche Vendesi-Schilder (Zu Verkaufen) die Fassaden im Centro Storico der schönsten Dörfer Italiens.

Auch die blühenden Geranien am Balkon können nicht kaschieren, dass viele dieser Dörfer trotz ihrer Schönheit und immensen Potential ein Problem haben. Ein Problem, von dem ich bezweifle, dass es sich durch eine handvoll Touristen, worauf die Initiative der Borghi più Belli d’Italia abzielt, lösen lässt. Wieso? Das möchte ich an zwei Beispielen erläutern: Den Dörfern Pacentro und Santo Stefano di Sessanio.

Italienurlaub auf dem Dorf: Einzigartig aber nicht anonym

Die Geschichte von Santo Stefano di Sessanio liest sich wie ein Märchen: Ein altes, vergessenes Bergdorf (nicht weit von der hollywoodreifen Burgruine Calascio, einem der Highlights der Region) wird zufällig von einem italienisch-schwedischen Unternehmer, entdeckt. Dieser verliebt sich in das steinerne Dorf und erkennt das Potential. Er beschließt es vor dem drohenden Verfall zu bewahren indem er es liebevoll restauriert und in ein außergewöhnlich hochwertiges Albergo Diffuso verwandelt.

So schaffte er ein mustergültiges und harmonisches Beispiel wie man eine Brücke der Vergangenheit zur Gegenwart schlagen kann. Das Problem: Wirkliche Bewohner gibt es in diesem Dorf eigentlich kaum (offiziell sind es ca. 100) – stattdessen viele Tagesbesucher und natürlich die Gäste des Albergo Diffuso.

Kommen wir zum zweiten Beispiel: Pacentro. Es gibt keine Märchengeschichte, außer dass die Sängerin Madonna hier ihre Wurzeln hat. Ansonsten ist da eine mittelalterliche Burg mit einer atemberaubenden Aussicht, ein paar familiengeführte B&Bs, wie das von unserem Host Alberto, einige Bars und man ist nach ein paar Kurven direkt im Nationalpark Majella. Dieses Borgo liegt für mich quasi um die Ecke. Das bedeutet ich bin relativ oft und sehr gerne dort. Denn, es ist eines der wenigen der Borghi più belli d’Italia, in dem noch richtig Leben ist. Ein Ort, in dem man beim Spazieren durch die wunderschönen historischen Gassen und Plätze Menschen trifft.

Im Februar zur Mittagszeit auf der Dorfpiazza Pacentro:  Ein paar Einwohner trifft man hier immer!

Nicht nur alte Damen, sondern auch Kinder und Jugendliche! Während die jüngeren noch in der Gasse Fußballspielen, sitzen die Teenies auf einer Bank und schauen TikTok Videos auf dem Handy. An den Wäscheleinen hängen Avenger T-Shirts und Pullover mit Strasssteinchen. Ist also eine super Mischung von wunderschönem Ortskern, der einen geradewegs ins Mittelalter versetzt, und echtem Leben (aus diesem Jahrhundert!)!

Individuell aber sozial! – Die soziale Mission von amavido

Genau, dieses echte Leben, das über vergangenheitsbehaftete Italienklischees und hübsche Postkartenmotive hinausgeht, fasziniert mich an kleinen Dörfern Italiens so. Diese Faszination ist der Grund, weshalb ich immer mehr zu Überzeugung gelange, dass man mit Tourismus allein kein Borgo retten kann. Denn, wenn ihr mich fragt, dann sind das wahre Herz der Orte die Menschen, die dort leben, die sie lebendig machen. Ja, der langsame nachhaltige Tourismus ist eine unglaublich wichtige Stütze und große Chance für kleine Ortschaften. Aber es ist nur ein Aspekt!

Mittlerweile hat man das auch in Santo Stefano di Sessanio erkannt. Aktuell läuft eine Kampagne, die junge Menschen unter 40 mit einem finanziellen Zuschuss motiviert, ihen Wohnsitz nach Santo Stefano di Sessanio zu verlegen, um dort ein Unternehmen zu gründen. Kleine Orte können vom Tourismus allein nicht am Leben gehalten werden, sondern nur lebendig bleiben, wenn man ihre Bewohner mit einbezieht! Ich glaube genau das ist der entscheidende Punkt: Dörfer müssen auch für Bewohner unabhängig vom Tourismus eine Lebensgrundlage bieten. Nicht nur liebens- sondern auch lebenswert sein und bleiben!

Die soziale Mission von amavido geht über Tourismus hinaus…

Diese Überzeugung hat mich zu amavido geführt. Nicht nur, weil amavido eine Plattform für kleine Dörfer ist, die Orten wie Pacentro und Santo Stefano di Sessanio Sichtbarkeit schenkt. Sondern auch, weil es bei amavido ganz gezielt darum geht, Begegnungen und Austausch von Reisenden mit der lokalen Gemeinschaft abseits der ausgetretenen Pfade zu ermöglichen.

Amavido ist mehr als ein Reiseveranstalter, sondern ein Lebensstil. Eine Art zu denken, eine Art zu reisen und eine Art, Werte zu schaffen. Wir wollen das Unsichtbare sichtbar machen. Das Alte bewahren, aber auch Neues ermöglichen. Innovation und Tradition vereinen und Tourismus menschlicher machen.

italienische Esskultur amavido

Wir wollen versteckte Orte und ihre einzigartige lokale Gastfreundschaft, Kultur und Traditionen zeigen. Wir wollen ungenutztes Potential aktivieren. Dabei geht es uns darum, die lokalen Gemeinschaften gezielt einbeziehen um so eine inspirierende Bewegung der Co-Kreation durch Reisende und lokalen Communities zu starten. Wir wollen die Welt näher rücken sehen, indem wir Reisende mit diesen Orten und Menschen zusammenbringen.

Wir glauben daran, individuelle und außergewöhnliche Reisen und Erlebnisse zu schaffen. Unser Anspruch ist es Verbindungen und Beziehungen aufzubauen zwischen Orten, ihrer Geschichte und ihren Bewohnern. Genau das ist es, was wir unter der sozialen Mission von amavido verstehen: Eine Vision von einer ganzheitlichen und menschlichen Tourismusindustrie und Welt. Aus diesem Antrieb heraus haben wir vor wenigen Monaten einen „Open Call“ gestartet.

Nachhaltig reisen und damit Gutes tun? Wir zeigen dir wie!

Der „Open Call“ war ein Aufruf an all jene, die, genau wie wir, an das noch unentdeckte Potential glauben. Und einen aktiven Beitrag leisten die rurale Gegenden und kleine, aussterbende Dörfer in Italien wieder aufleben zu lassen. In den nächsten Wochen möchten wir ihre Geschichten und Visionen teilen!

Bist du auch der Meinung, dass es bei nachhaltigem Reisen um mehr geht, als um einen CO2-Ausgleich beim Fliegen, sondern um Reisen, die nachhallen? Reisen, die etwas bewegen?

Dann begleite uns auf die Reise, lerne unsere „Local Heroes“ kennen und sei Teil der Bewegung! 

Share: