Weihnachtsfreude? In diesen Zeiten schwer zu finden …

Stimmt nicht!“, sagt Chiara und macht sich auf, um Weihnachten zu suchen. Ob die Protagonistin meiner kleinen Geschichte fündig geworden ist, lest Ihr hier in der ofenfrischen, selbst erlebten amavido Weihnachtsgeschichte!

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Ein Grund mehr … auch dieses Jahr eine Weihnachtsgeschichte zu erzählen!“, dachte ich mir, als amavido Redakteurin, als sogar unser Weihnachtsessen mit den Großeltern aus Sicherheitsgründen abgesagt wurde.

Denn auch in den dunkelsten, traurigsten und besorgniserregendsten Zeiten kann ich doch immer etwas finden, wofür ich dankbar bin und woran ich mich erfreue: Die Tatsache, ein Dach über dem Kopf, eine warme Mahlzeit und ein warmes Bett zum Schlafen… und Menschen an meiner Seite zu haben, in dem kleinen Borgo Salea d’Albenga, in dem ich lebe. Nachbarn, die klingeln, wenn sie mich ein paar Tage nicht gesehen haben und die, wenn sie fragen: „Come stai?!, Susanne?“, es auch wirklich wissen wollen. Dann habe ich das Gefühl, sehr sehr reich zu sein! Ich weiß nicht, ob ich diese Art zu leben, diese Art, mich auf das Essentielle und auf das minimal Notwendige konzentrieren zu können, hier in meinen fast 20 Jahren in Italien, gelernt habe… Eins ist sicher: Es vermehrt die Lebensfreude

Also, für Euch – liebe amavido community – erzähle ich diese ganz persönliche Weihnachtsgeschichte 2021 aus Candelara, dem kleinen Borgo in den Marken von Pesaro, der mich seit 2018 inspiriert, weil hier ein einzelner  Mensch eine wunderschöne Idee hatte, die heute noch viele Menschen glücklich macht! … Und das selbst, als der besinnliche Kerzen-und Handwerksweihnachtsmarkt: Candele – Kerzen in Candelara 2020 NICHT stattfand und stattdessen „nur“ Kerzen angezündet wurden!

Gerade diese zarte Geste, war es, die mich in diesem Jahr wieder dorthin, in die Marken nach Pesaro fahren ließ, um endlich diesen Markt zu sehen und zu verstehen, warum diese Menschlichkeit so gut tut 

Und so kam es dann auch … zu der Geschichte von Chiaras Weihnachtsaugen

Es war einmal vor langer Zeit … in einem Dorf im Süden ein kleines Waisenkind, namens Chiara. Das lebte bei lieben Ordensschwestern in einem Waisenhaus. Es ging ihm dort sehr gut. Die Schwestern waren nett und Chiara fehlte es an nichts: genug zu essen, die Schule machte ihr Freude und die Leute im Borgo mochten sie alle gerne. Sie fühlte sich nur manchmal einsam, weil sie keine Familie hatte, zu der sie nach Hause gehen konnte … Oft schaute sie den Familien in der Stadt hinterher, die so glücklich miteinander lachten. Aber Chiara wollte nicht undankbar sein: Sie hatte ja Menschen, die sich um sie kümmerten und außerdem war ja auch bald Weihnachten und darauf freute sie sich besonders! Aber irgendwas war da, was in ihr wühlte… „Wie kann ich nur auch glücklicher sein? Wo ist MEINE ganz persönliche Weihnachtsfreude??!

Die Unruhe ließ Chiara nicht los … und so zog sie eines Morgens los, um die echte Weihnachtsfreude zu suchen… Sie packte ihre Siebensachen, verabschiedete sich von der lieben Oberschwester und los ging’s! Mit dem Rucksack auf dem Rücken zum Bahnhof und in den ersten Zug in Richtung Candelara! 🙂 Sie hatte schon viel von diesem Ort gehört: Die Leute sagten, dass da die Menschen zusammenkämen und die ECHTE Weihnachtsfreude erlebten! Chiara war so aufgeregt! Was hatte dieser Ort nur besonderes?! Naja, die Geburt von Jesus Christus war für viele Menschen ja leider sowieso nicht mehr so wichtig…

 

Überall auf dem Weg sah Chiara Zeichen und Wegweiser… und wunderte sich: „Das ist ja ähnlich wie der  Weihnachtsstern!“

Der Weg war ganz schön lang… und Chiara war müde von der Reise. Zum Glück hatte sie genug zu essen und Taschengeld auf den Weg mitbekommen. Irgendwie hatte sie das Gefühl, dass diese kleine Reise mit so wenig Geld, aber dennoch einen großartigen Effekt haben würde… Wie und warum, das wusste sie noch nicht. Aber weiter! Sie fühlte sich als würde sie sich etwas sehr, sehr Gutem nähern und irgendwie hatte sie das gute Gefühl schon in sich. Chiara lächelte.

Plötzlich! Da! Was war das?!

Dort am Horizont!! Chiara sah ein Leuchten. Nein! Eine Flamme!? Egal, es war ein Licht – ein ganz starkes gold-orangenes Licht am Horizont! Wow! Wie ein warmes Feuer… „Hier bin ich richtig!“, dachte sie. Ihre Schritte wurden immer schneller und sie freute sich auf die Ankunft! Über dem erleuchteten Himmel zeichneten sich die Umrisse eines kleinen Burgdorfes ab …

Auch, wenn die Leute alle ihren Mundschutz trugen, konnte man ihr Lächeln und das Interesse füreinander sehen! Schafe, Ziegen, Kaninchen und ein richtiger Schafhirte! Hier war Chiara richtig, um Weihnachten zu finden!

Wie schön! In Candelara waren schon Mensch und Tier versammelt! Die Kinder am Eingang von Candelara lauschten dem Hirten, der mit seinen Tieren in das kleine Burgdorf gekommen war, um sie den Kindern zu zeigen. Denn die modernen Kinder wussten gar nicht mehr, wie echte Tiere aussehen. Die „großen“ Kinder auch nicht! 😉

Er erzählte, während er den Kindern Karotten zum Füttern in die Hand gab, dass Gott ALLE Menschen und Tiere gleich liebhat! Es war ihm auch wichtig zu sagen, dass wir Menschen ein bisschen dumm seien, wenn wir nur mit Hunden und Katzen zusammenleben wollten. Wenn es das Haus und Garten erlaubt, sagte er: „Ist zum Beispiel das Huhn auch seeehr wichtig, sogar noch mehr! Denn es gibt Dir ein gutes Ei zu essen, wenn Du es gut versorgst!“ Und dann brachte der Schafhirte die Leute ganz plötzlich zum Lachen: Er rannte „von Null auf Hundert“ los und sein Schaf, namens Emma, wie von der Tarantel gestochen, hinterher! Das hättet ihr sehen sollen! So was von lustig und alle lachten! Der Hirte wollte den Leuten zeigen, wie treu das Schaf ist. Haha, in der Tat!

Chiara musste auch sehr lachen, als die Ziege neben ihr, plöttzlich ihren Bon für ihr Mittagessen fraß. Sie hatte ihn in der Hand und „mampf mampf“ – Da war er weg! „Hey, das ist MEIN Mittagessen, nicht deins!“ lachte sie

Die Stimmung war so fröhlich und friedlich. „Ich glaube, hier bin ich dem Weihnachtsgeheimnis schon ganz nah.“ , dachte Chiara.

Gaukler, Sänger, die Band der Weihnachtsmänner und viele schöne Dinge zu kaufen

Auf dem Weihnachtsmarkt von Candelara war sogar eine Band unterwegs, die schöne Weihnachtslieder spielte. Das brachte eine schöne Atmosphäre und die Leute schlenderten entspannt von einem Stand zum anderen. Es gab Kerzen, gebastelte Krippen, Textilhandwerk, Holzspielzeug und sogar Bienenzüchter, die den Leuten ihre wertvolle Arbeit erklärten, außer dass sie köstlichen Honig verkaufen und Chiara leckere Propoli-Bonbons schenkten.

„Echt sympathisch die Band der Weihnachtsmänner!“, dachte Chiara „aber zur ECHTEN Weihnachtsfreude fehlt noch irgendwas, also weiter!“

Sie kam vorbei an lauten und akrobatischen Stelzenläufern, die johlten und trommelte. Die Leute hatten einen Riesenspaß und alle machten Selfies. Dabei waren die Akrobaten alleine ein viel schöneres Motiv! Alle waren total lustig, aber irgendwie war das Chiara zu selbstbezogen und sie ging weiter…“Komisch“, dachte sie, „anstatt zu genießen, sind sie mehr mit sich selbst und posten beschäftigt…“

Es wurde immer lauter um sie herum. Und Fotos ohne Ende…

Die Leute machten soviele Fotos, dass sie die Stelzenläufer fast zu Fall brachten …

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

„Das hatte nun wirklich gar nichts mit Weihnachten zu tun, wo wir doch alle vereinter und freundlicher sein sollten.“, wunderte sich Chiara und ging weg von dem Durcheinander…

„Wo ist denn auf dem Weihnachtsmarkt die echte Weihnachtsfreude?!“

…. fragte sich Chiara und wurde langsam traurig.  Hinter ihr hörte sie plötzlich eine tiefe Stimme mit einem merkwürdig orientalischen Akzent: „Rrrecht hast Du, mein Kind! Wahrlich, wahrlich! Ich bin seit Tagen unterrrwegs nach Bethlehem mit meinem Gefährten und seinem Elefanten und ich kann Dir sagen, überall auf meinem Weg habe ich Menschen gesehen, die diesen komischen, elektronischen Stern vor sich hertragen! Wenn ich sie angesprochen habe, um nach dem Weg zu fragen, schauten sie noch nicht mal auf! Ich fragte sie: „Folgt Ihr auch einem guten Stern, so wie ich??!

Ich habe den Stern von Bethlehem gesehen und bin unterwegs zu einem Stall, in dem, wie man sagt, ein KÖNIG geboren sein soll! Sie zuckten nur die Schultern und hoben ihre erleuchteten Dinger in der Hand an in mein Gesicht. Weiterhelfen konnten sie mir damit aber nicht und da habe ich beschlossen, doch lieber dem Weihnachtsstern am Himmel zu folgen, weil der mir verheißungsvoller und gut schien. Wie auch immer, auf jeden Fall, habe ich den Kopf angehoben, was mir besser schien. Und jetzt bin ich hier und die ECHTE Weihnachtsfreude scheint mir schon nah… Was denkst Du??!“

Wow! König Balthasar! Er sagt, er sei schon lange unterwegs nach Bethlehem und hofft die anderen zwei der Heiligen Könige bald zu treffen …

Aus der Ferne hörte man einen schönen Gesang, der langsam näher kam. „Lasst uns schauen!“, sagte König Balthasar und wies seinen Gefährten an, den Elefanten umzudrehen. „Da, wo Musik erklingt, ist Freude zuhause! Wir sind bald am Ziel!“ Zusammen gingen sie den Weg vom Borgo hinunter und fanden sich nach kurzer Zeit vor drei fröhlichen Sängern mit Gitarre, Tamburin und Ziehharmonika! Wie schön! Hier blieben die Leute stehen und hörten den gesungenen Geschichten von Weihnachten zu … ja, einige tanzten sogar im Sonnenuntergang! „Hier sind wir richtig!“

„Das es sowas noch gibt „Cantastorie“ – richtige „Bänkelsänger„, die durch die Lande ziehen und gute Geschichten im Gesang erzählen, so wie die von Weihnachten! 🙂

Langsam ging die Sonne unter …

über dem schönen Weihnachtsmarkt von Candelara, dem Dorf der Kerzen und Chiara fühlte sich wohl und müde. „Schade nur, dass sie alleine unterwegs war, wie immer…!“ Aber dann dachte sie, dass Weihnachten ja auch bedeutet, dass wir nicht alleine sind …  Sie schaute auf und da stand lächelnd der alte Dorflehrer vor ihr. Er war der Erfinder von diesem schönen Weihnachtsmarkt von Candelara. „Ach, Chiara! Ich habe soviel zu tun, dass ich gar keine Zeit für Dich hatte, Du Arme! Aber Du sollst wissen, wie sehr ich mich freue, dass Du gekommen bist, um uns zu besuchen! Du bist eine echte Freude für uns! Leider kann ich noch nicht einmal mit Dir zusammen zu Abend essen, aber hier hast Du einen Gutschein. Ich habe schon in der Zeltküche Bescheid gesagt, dass Du kommst! Die Gaukler, Theaterspieler und Sänger werden auch da sein!“ Chiara strahlte. Sie fühlte sich willkommen, umsorgt und behütet.

DAS war wie Weihnachten! Jemand sorgte sich und wollte, dass sie sich nicht einsam fühlte!

Das gemeinsame Essen war köstlich, aber am besten war die schöne Gesellschaft! Anschließend gingen sie alle aus  der Zeltküche hinaus in die sternklare Nacht zu dem Elefanten, der natürlich nicht drinnen essen durfte. Die Luft war wunderbar kalt und klar und eine friedliche Atmosphäre umarmte sie regelrecht. Sie fühlten sich sicher und ruhig und schauten gen Himmel, die Bänkelsänger, der Elefant, sein Hüter und König Balthasar, die Bienenzüchter und die Stelzenläufer und von der Seite kamen noch der Schafhirte samt Schaf Emma und Ziege, deren Name sie leider nicht kannte 😉 hinzu.

Aber was war das?! Die Freunde konnten ihren Augen nicht trauen!

Da kamen aus dem Nichts plötzlich helle Lichtgestalten die Burgmauern entlang!! Sie bewegten sich langsam und harmonisch zu einer sanften Musik, wie in einem Traum! Die Leute staunten bei offenem Mund! Der Dorflehrer hatte sich für sie eine ganz besondere Überraschung ausgedacht! Da sie alle so fleißig mitgemacht hatten, damit der Weihnachtsmarkt so gut gelingen konnte, hatte der Dorflehrer keine Kosten und Mühen gescheut und sogar…. riesige Lichttänzer eingeladen!

Wow! So etwas Schönes hatten sie alle noch nicht gesehen! Chiara und eine der Sängerinnen hatten sogar Tränen in den Augen vor Rührung… „Warum?“, fragt Ihr? Schaut mal selbst und Ihr werdet verstehen….

Als kämen sie aus einer anderen Welt, entführten die Lichttänzer die staunende Menge in einen Traum …

Die Freunde bekamen glänzende Augen vor lauter Begeisterung. So lieb hatte der Dorflehrer seine Freunde, dass er sie so schön beschenken wollte! Chiara, die Gaukler und die Sänger und selbst der Elefant waren so „baff“, dass sie wie angewurzelt stehenblieben!

Leicht und zauberhaft … kamen die Lichttänzer immer näher …

Das Licht und die Freude übertrugen sich auf alle Anwesende und es war als seien sie eingetaucht in diese Magie…

 

 

 

 

Am Ende, als die Lichttänzer vorbeigetanzt waren, blieben die  Freunde längere Zeit ganz still. Erst langsam kamen sie wieder zu sich…

Da schaute eine der Sängerinnen Chiara ins Gesicht und rief freudig aus: „Schaut mal alle her! Habt Ihr Chiaras Augen gesehen??! Schaut Euch dieses Leuchten an!!“ Chiara lachte: „Na, schau Dich mal an! Deine Augen sprühen auch  regelrecht über vor Funkeln! Und bei den Anderen auch!!

Sogar der Elefant strahlt vor Freude!!! Wow!

Ja, genau: DAS ist das echte Weihnachten! Die FREUDE in unseren AUGEN!

Jetzt wusste Chiara, wie einfach es war, Weihnachten zu feiern, ob nun mit oder ohne Familie. Die Freude, die sie spürte, kommt von anderen Menschen und von liebevollen Gesten! Aber sie kommt eben auch aus uns selbst heraus! Jeder kann sie fühlen, und auch nur mit wenigen Dingen. Und jeder kann sie geben:

Chiara war glücklich. „Die FREUDE, die wir mit ALLEN teilen wollen: DAS ist Weihnachten!“ Und ihre Augen leuchteten.

Buon Natale – Frohe Weihnachten! – wünscht Euch von Herzen – Eure Susanne

 

 

 

 

 

 

 

…und falls Ihr Lust habt, noch zu lesen, wie Candelara letztes Jahr Weihnachten erlebt hat:

Die Kerzen in Candelara leuchten weiter – trotz oder gerade wegen Covid

 

 

 

 

 

 

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Ich glaube, dieses Jahr können wir alle Weihnachtsgeschichten besonders gut gebrauchen. Meine kleine, persönliche Weihnachtsgeschichte handelt von einem Weihnachtsmarkt:  Er heißt Candele/Kerzen a Candelara und…  findet dieses Jahr nicht statt!

OK – also hier könnte die Geschichte somit enden!

Aber wir reden von Italien – und deshalb wird daraus eine Geschichte von Hoffnung, Erfindungsgeist und gemeinschaftlicher Nähe!

Ich erzähle Euch also sehr gerne von Kerzen, dem Ort Candelara und „erleuchteten“ Menschen! 

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