Ich glaube, dieses Jahr können wir alle Weihnachtsgeschichten besonders gut gebrauchen. Meine kleine, persönliche Weihnachtsgeschichte handelt von einem Weihnachtsmarkt:  Er heißt Candele/Kerzen a Candelara und…  findet dieses Jahr nicht statt!

OK – also hier könnte die Geschichte somit enden!

Aber wir reden von Italien – und deshalb wird daraus eine Geschichte von Hoffnung, Erfindungsgeist und gemeinschaftlicher Nähe!

Ich erzähle Euch also sehr gerne von Kerzen, dem Ort Candelara und „erleuchteten“ Menschen! 

Die Geschichte von Candelara hat für mich und viele Menschen etwas Magisches 

Es gibt für  jeden von uns besondere Orte im Leben … sie lassen einen, wenn man sie gesehen hat, nicht mehr los und man hat das Gefühl, man muss unbedingt wieder hin… Du weißt erst gar nicht so recht, warum, vor allem, weil Du diesen Ort vielleicht nur kurz besucht hast … Aber zu oft tauchen zuhause im Alltagsleben die schönen Erinnerungen wieder auf…

Solche Orte sind wie ein Magnet! Kennst Du das? Hast Du auch einen Ort, an den Du zurückkehren willst, weil er immer wieder in Deine Vorstellung kommt? Mach mal die Augen zu! Welchen Ort siehst Du?

(…)

Was war das nur, dass Dich da so berührt hat …?

In meinem Fall war das seit mittlerweile zweieinhalb Jahren so mit Candelara – diesem kleinen Borgo von nur 1200 Einwohnern auf den marchesanischen Hügeln, nur wenige Kilometer landeinwärts der Adria von Pesaro.

Weitblick ohne Ende – das ist der Genuss der Hügel des marchesanischen Hinterlandes von Pesaro

Wir befinden uns nur 7 Kilometer landeinwärts von Pesaro, wo die marchesanischen Hügel regelrecht in das adriatische Meer hineinzufallen scheinen. Ein fantastisches grünes Hügelmeer im unmittelbaren Hinterland der belebten Adria, wo jede kleine Erhebung von einem Castello, einer Burgfeste, gekrönt ist! #collineecastelli

Am Horizont lockt der Appennin die Trekking-Freunde mit seinen Höhenzügen des Monte Carpegna (1.415 m), Monte Nerone (1.525 m), Monte Catria (1.701 m) – Könnt Ihr Wanderer da widerstehen??

Marken – das heißt „In den Hügeln genießend und entspannt zu verbleiben und jeden Tag die fantastische Wahl zu haben zwischen Adria und Appennin!“

Das 360 Grad-Panorama reicht, ich kann es von meinem diesjährigen #coworkandtravel bestätigen, von der Adria bis hin zum Appennin. Ich muss nicht erklären, dass die Marken ein Outdoor Paradies sind und nicht umsonst für #lonelyplanet an den zweiten Platz der #placestovisitintheworld gehört. Siehe Hier geht’s zum Artikel im Italy Magazine

Meine neugewonnenen Freunde in Candelara, Fulvia und Piergiorgio vom Proloco antworten ganz lapidar auf die Frage: „Warum sollte man in den Marken Urlaub machen?“ … „ganz einfach, weil sie noch so einfach und unverfälscht sind.“

Wenn Du mehr über die Marken erfahren möchtest, schaue hier vorbei.

In der Zwischenzeit erzähle ich weiter… 😉

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Was heißt eigentlich „Weihnachtsfreude?“

In den Marken waren wir #amavido Kollegen also auf Einladung der Gründerin Lucia zu einem sehr schönen, kreativen amavido-Team-Meeting im November 2017  zusammengekommen. Lucia ist die marchesanische Co-Gründerin von amavido aus Fano, einer antiken, aber auch fantastisch, eleganten Küstenstadt der Adria.

Wen’s interessiert, lest hier gerne auch in unserem damaligen, begeisterten Artikel von 2018….

Slow Travel Reise in die Marken – Unser Team in Fano

Wir alle erinnern uns gerne daran… es war ein schönes Erlebnis von #amavido teamworking und #slowtravel!

Damalses war im November – ein ziemlich grauer Tag und wir amavido-Kollegen folgten der engagierten Fulvia vom Proloco, der italienischen Touristeninformation, im Laufschritt die kleine Anhöhe zum Textilmuseum hinauf… Wir hatten einen Besichtigungstermin mit ihr, um in Zukunft mit unserer Arbeit dem #slowtravel Tourismus vor Ort unter die Arme zu greifen. Fulvia war mir gleich sympathisch, vor allem mit ihrer ausgefallenen Lebhaftigkeit und der schrill pinkfarbenen Jacke und Boots. Sie hatte an dem Tag wenig Zeit, denn rund um den kleinen Borgo war ein emsiges Gehämmer und Kabelverlegen im Gange

Vor uns sahen wir eine unendliche Reihe von hölzernen Weihnachtsmarktbuden, wie man sie sonst in Italien nur in Südtirol sieht … und das in den Marken! Wie schööön!

Vor 16 Jahren hatte nämlich der ehemalige Lehrer Piergiorgio Pietrelli und heutiger Kreativ-Direktor des Candelara Weihnachtsevents eine wahrhaft „zündende“ Idee, die das Schicksal seines kleinen Borgos Candelara im hügeligen Hinterland von Pesaro, komplett veränderte… so sehr, dass er und seine Mitbürger sogar nicht mehr wussten, wo sie all die Besucher hinstecken sollten

Weihnachtsmarkt – das ist ein Wort, das tausende und abertausende von weihnachtsromantischen, glühweinbegeisterten Touristen in die bekannten Orte vor allem in Süddeutschland, Österreich  und Norditalien lockt, um die Vorfreude auf Weihnachten zu schüren, oder einfach nach Feierabend in der winterlichen Zeit auf angenehme Weise zusammenzusein, …. aber was hatte das alles mit dem mittel- und südlicheren Italien zu tun?!

„Weit gefehlt“, dachte sich Piergiorgio Pietrelli im Jahre 2004 in Candelara:

„Eigentlich ist doch die Aventszeit, im wahrsten Sinne des Wortes Ankunft, eine sehr innige und romantische Zeit, in der wir alle gerne wieder Kind werden und mit offenen Augen träumen wollen! Und überhaupt Kerzen und ihr wundervolles Kerzenlicht … Bedeuten Sie nicht vielmehr das wahre Weihnachten? Und nicht der moderne Weihnachtskonsum?!“

Was den Weihnachtsmarkt von Candelara immer ausmacht, ist genau die Kerze im Mittelpunkt! Dazu kommen Hersteller aus ganz Italien an den Ort. „Kerzenlicht“, sagt Pietrelli ist erst richtig schön, durch die Dunkelheit um es herum! Weihnachten ist nicht schön, weil es hell erleuchtet ist. Weihnachten ist schön, weil es dunkel ist – rund um das Licht!“ Und genau deshalb ist der Weihnachtsmarkt, der heute in Covid-Zeiten nicht stattfinden kann und mit einem kerzenbeleuchteten Spaziergang ersetzt wird ein Sinnbild, das uns alle verbindet… ein Licht in der Dunkelheit.

Und tatsächlich: „Der schönste Moment an unseren Wochenenden auf dem Weihnachtsmarkt ist es seit jeher, wenn wir bei der ersten Dunkelheit im ganzen Ort das elektrische Licht löschen und alles nur nur von Kerzen beleuchtet ist„, erzählt Piergiorgio und sein Lächeln lässt mich ahnen, wie schön dieser Moment ist. Allein schon die Tatsache, dass hier in den Hügeln, die Sterne immer gut zu erkennen sind, weil weit und breit keine Stadt den Nachthimmel „verschmutzt“ – macht viel aus! Und in den steinernen Gassen zwischen alten Burgmauern auf einem roten Teppich, der die weihnachtlichen Hütten miteinander verbindet, zu flanieren nur mit dem Leuchten der Kerzen in den Augen – das ist genauso einfach wie wundervoll!

Die Legende der Gründung von Candelara besagt: Hier ist wenig Wind. Hier lass uns den Borgo erbauen! Die Kerzen, statt Weihnachtsmarkt, sagen heute: „Da, wo Menschen für Dich eine Kerze anzünden, da bist Du zuhause!“

 

Weihnachtsstimmung ist eigentlich ganz einfach – wenn das innere Licht zum Leuchten kommt

Erinnerungen an unsere Kindheit kommen auf, Ruhe tritt ein und uns wird klar, warum diese Vorweihnachtszeit „Advent“ heißt – „Ankunft„. – Wir freuen uns auf Weihnachten. Wir freuen uns auf das Fest, an dem die Geburt Jesus Christus gefeiert wird. Wir sind in der Zeit der Ankunft, dem „Noch-nicht-da aber in Vorbereitung“.

Das sind Gedanken, die man in konsumorientierten, schnellen Zeiten selten hat, ob man nun an Jesus Christus‘ Geburt glaubt oder nicht. Aber wie auch immer…  die Erwartung auf Besserung, ob sie nun christliche Weihnachten heißt oder nicht, tut einfach der Seele gut! 

Anscheinend hat auch der kreative Weihnachtsmarkt  „Kerzen in Candelara“ eine hoffnungsvolle Wirkung. Er ist ein echtes, warmes Licht einer genialen und warmherzigen Idee für den Borgo und seine Besucher. Und die Leute kommen jedes Jahr von nah und fern. Der Ideator und Lehrer Piergiorgio dachte dabei natürlich besonders an die Kinder. In dem Park an der altehrwürdigen Kirche San Francesco organisiert die Proloco Candelara jedes Jahr Spiele, Theateraufführungen und andere kreative Aktivitäten, wie einen workshop, bei dem die Kinder ihre eigene Bienenwachskerze basteln können und nebenbei noch viel über Bienen und ihre lebenswichtige Bedeutung lernen… Hauptsache, die Kleinen können mitmachen und anfassen, was in digitalen Zeiten immer wichtiger wird…

Tausende strömten die letzten 16 Jahre aus aller Herren Länder, sogar mit organisierten Busreisen in den kleinen Ort auf den Hügeln von Pesaro. „Wir müssen uns gut organisieren“, sagt Fulvia. Wir sind alle nur freiwillige Helfer, aber es ist erstaunlich wie gerne sich die Gemeinschaft für das Event stark macht!“ Die „Kerzen von Candelara“ sind so beliebt, dass im Sommer sogar an der Küste von Pesaro eine kilometerlange Kerzeninstallation ins Leben gerufen wird. Candele sotto le stelle! Romantik pur! 

Hier geht es zu einem Video von „Candele sotto le stelle“. Lass Dich verzaubern!

Was bedeutet das Gleichnis der vier Kerzen am Adventskranz?

Statt Weihnachtsmarkt gibt es also dieses Jahr in Candelara hoffnungsvolle, stille Weihnachtsmagie mit einem romantischen Spaziergang und Kerzen in den Fenstern! Als ich das hörte, musste ich an die Weihnachtsgeschichte der vier Kerzen denken…  Kennst Du sie? Ein Freund hatte sie mir einmal erzählt, als ich in einer schwierigen Situation in meinem Leben war und nicht so recht wusste, wie es weitergehen sollte.

Macht kurz die Augen zu und stellt Euch die Kerzen im Adventskranz vor! Wieviele schöne Erinnerungen kommen hoch… ein wohliges Gefühl…

„Es war einmal ein Adventskranz, an dem waren schon alle vier Kerzen angezündet und flackerten wunderbar. Es war sehr still im Zimmer. So still, dass man sogar die Kerzen reden hören konnte….

Ganz leise hörte man die erste Kerze seufzen und sagen: „Ich heiße Frieden. Mein Licht leuchtet, aber die Menschen halten keinen Frieden, sie wollen mich nicht.“ Da wurde ihr Licht immer kleiner und verlosch schließlich ganz.

Die zweite Kerze flackerte und flackerte und sagte:“Ich heiße Glauben. Auch ich bin überflüssig. Die modernen Menschen wollen von Gott nichts mehr wissen. Es hat keinen Sinn mehr, dass ich brenne.“ Ein Luftzug wehte durch den Raum und die Kerze war aus.

Leise und sehr traurig meldete sich nun die dritte Kerze zu Wort: „Ich heiße Liebe. Ich habe keine Kraft mehr zu brennen. Die Menschen stellen mich an die Seite. Sie sehen mehr sich selbst als die anderen, die sie lieb haben sollen.“ Und mit einem letzten Aufflackern war auch dieses Licht ausgelöscht.

Da kam ein Kind ins Zimmer. Es schaute die Kerzen an und sagte: „Aber, ihr sollt doch brennen und nicht aus sein!“ Und es fing an zu weinen. Da meldete sich die vierte Kerze zu Wort. Sie sagte sehr milde: „Hab‘ keine Angst! Solange ich brenne, können wir auch die anderen Kerzen wieder anzünden. Ich bin die Hoffnung.“ Da trocknete das Kind seine Tränen und lächelte.

Mit einem Streichholz nahm es ein Licht von der Kerze und zündete die anderen Kerzen wieder an.  

„Erinnerst Du Dich noch an letztes Jahr?“ fragt Fulvia traurig, „als wir hier in Candelara sogar ganze Reisebusse voll mit Familien zu unserem Weihnachtsmarkt kamen? Die vielen Kinder, die mit freudigen Gesichtern am improvisierten Theater der Straßenkünstler und beim Umzug der Nikolausband mitmachten und im Haus der Elfen Geschichten zuhörten? Wie schön, war immer unser Krippenspiel mit echten Darstellern?!“…

Wie gerne … hätte der Erfinder und Organisator, Lehrer Piergiorgio Pietrelli zusammen mit seinen fleißigen, ehrenamtlichen Mitarbeitern auch dieses Jahr wieder diese wundervolle Veranstaltung des südlichsten Weihnachtsmarktes veranstaltet.

„La speranza è l’ultima a morire“ , sagen die Italiener oft. „Die Hoffnung stirbt als letztes.“ Deshalb kam unseren amavido-Freunden in Candelara die Idee, den abgesagten Weihnachtsmarkt mit einem besinnlichen Weihnachtsspaziergang durch den Borgo zu ersetzen!

Kommst Du also dieses Jahr kannst Du im Borgo zahlreiche traditionelle und auch moderne Krippen bewundern. Es gibt viel zu sehen rund um die kleinen, malerischen Gassen im mittelalterlichen Mauerring, auch wenn die Weihnachtsmarktstände dieses Jahr fehlen: Die Proloco- Organisation hat seine Bürger mit einem

  • Girlanden-Wettbewerb kreativ herausgefordert und so kannst Du Besucher kunstvolle Weihnachtsdekorationen bewundern, die dann Ende Januar prämiert werden!
  • Der Keramikkünstler Tiziano Donzelli kommt persönlich in seine Ausstellung und präsentiert seine Werke auf Leinwand und Keramik und falls es die aktuellen Covid-Einschränkungen erlauben, findet auch im Saal der Turmuhr eine Krippenausstellung statt. Im Sinne der Gemeinschaftsarbeit beteiligt sich daran auch die Pro-Loco-Organisation der nahe gelegenen Renaissancestadt Urbino.
  • Alles in allem scheint auch der Titel des Werkes von Morena Reggiani fast das Motto dieses merkwürdigen Weihnachtsfestes 2020 zu sein, da wir alle die gleiche beängstigende Situation der Pandemie erleben und alle das gleiche Bedürfnis haben, zu hoffen. Es heißt: „Alle Welt lächelt auf dieselbe Weise.“

Man kann es nicht anders sagen: Der Coronavirus hat es nicht geschafft, die Kerzen von Candelara völlig zu löschen. Vielleicht leuchten sie dieses Jahr sogar noch schöner! 

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Written by Susanne Trumm
Susanne ist in Montabaur, Rheinland-Pfalz geboren und hat in Köln Germanistik, Italienische Romanistik & Politikwissenschaft studiert. Nach einigen Sprach- und Studienaufenthalten in Florenz ist sie 2002 nach Italien ausgewandert. Jahrelange Berufs- und Lebenserfahrungen als Deutschlehrerin & Übersetzerin südlich von Rom und in Verona haben sie letztendlich 2011 nach Salea d'Albenga in Ligurien geführt. Hier lebt sie mit ihrem piemontesischen Mann, der den schönsten Beruf der Welt hat. Die beiden haben sich genau deshalb kennengelernt: Bei der Weinmesse "VinItaly" in Verona, wo sie als Übersetzerin und er als Winzer arbeitete. Eine deutsch-italienische Geschichte, die Freude macht, weitererzählt zu werden ...